Geschichte der ESG

Wir blicken zurück: Aus der Studentenarbeit des CVJM heraus wurden auf Privatinitiative um die Jahrhundertwende an deutschen Hochschulen Bibelkreise gegründet, aus denen dann 1895 die Deutsche Christliche Studentenvereinigung (DCSV) entstand. Ein Jahr später wurde in Halle der „Studentenbund für Mission“ (SfM) gegründet, 1905 die Deutsche Christliche Vereinigung Studierender Frauen (DCVSF). Alle drei Initiativen gingen später in der ESG auf. 1907/1908 wurde für den DCSV das erste Zentralbüro und ein Geschäftsführender Verein gegründet.

Schon die frühen Dokumente der christlichen Studentenbewegung zeigen, wie um Grundlagen und Selbstverständnis gestritten, wie um Ziele und Strukturen gerungen wurde, wie die Beteiligung der Studierenden gegenüber dem aus Altfreunden bestehenden Vorstand abgewogen wurde und wie man versuchte, eine Position zwischen ökumenischer Laienbewegung und evangelischer Institution zu finden. Der ESG-Generalsekretär Paul Humburg meinte schon 1920: „Für den intimen Kenner ist ja die Geschichte der DCSV und ihrer geistlichen Strömungen fast ein kurzer Abriss der Kirchen- und Dogmengeschichte.“

Im Ersten Weltkrieg aufgrund besonders ausgeprägten patriotischen Engagements und einflussreicher Förderer im Preußischen Staat zu einer großen sozialdiakonischen Einrichtung geworden, musste nach 1918 wieder einige Nummern kleiner angefangen werden. Auch hier finden wir Fragen, die uns heute noch beschäftigen: Fragen nach der Bedeutung der überregionalen Bundesarbeit, nach der Regionalisierung von Strukturen. 1923 ist eine Wende zur bündischen Jugendbewegung und somit die Suche nach mehr Ordnung und strafferer Organisation festzustellen. Seit 1920 erkannten auch die evangelischen Landeskirchen die Bedeutung einer christlichen Hochschularbeit und die ersten Studentenpfarrstellen wurden errichtet, zuerst im Rheinland.

Mit Beginn des Dritten Reiches gab es Auseinandersetzungen um die politische Position und auch einige Parteilichkeit für nationalistische und nationalsozialistische Ziele. Es setzte sich jedoch eine Linie durch, die sich gegen die Gleichschaltung mit den NS-Hochschulgruppen richtete und die dadurch in Kauf nehmen musste, daß 1938 der DCSV verboten wurde. Während des Krieges, als christliche StudentInnen und die Mitglieder der Bekennenden Kirche zusammenrückten, übernahm die Kirche mehr und mehr institutionelle Verantwortung für die Studierenden. Der Begriff „Evangelische Studentengemeinde“ wurde geprägt, erste Studentenpfarrerkonferenzen entstanden.

Erst nach Ende des Nationalsozialismus entstand die ESG im heutigen Sinne. Der DCSV verzichtete auf eine Neugründung, in der Gestalt der Nachkriegs-ESG wurde die ungeklärte Doppelheit von selbständiger Studierendenbewegung und landeskirchlichem Studentenpfarramt im Westen wie im Osten festgeschrieben, ab 1947 auch eine überregionale Institutionalisierung mit Geschäftsstelle gewählt. Deutlicher noch als vor dem Krieg betonte man den Aspekt der selbständigen Laienbewegung. Die fünfziger Jahre waren die eigentliche Blütezeit christlich-studentischen Engagements. Neben der theologischen Verarbeitung der NS-Geschichte spielte das Thema Ost/West eine große Rolle.

In den sechziger Jahren war die ESG die erste Gruppe innerhalb der Kirche, die die Fragen der StudentInnenbewegung aufnahm und radikal umsetzte. Es entstanden Konflikte mit der Institution, der man sich bisher bewusst zugeordnet hatte. Neue Sichtweisen und neue bis dahin der Kirche eher fremde Terminologien zogen in die Veröffentlichungen und Verlautbarungen der ESG ein, auch die theologische Hermeneutik änderte sich.

Dies musste zur Manifestation bestehender Unterschiede führen, die wie in der evangelischen Jugendarbeit in einer Art Polarisationsdebatte mündete, aber knapp vor der Spaltung haltmachte.

Die achtziger Jahre brachten auch in der ESG eine zunehmende Pluralisierung mit sich. Die Bundesarbeit war am deutlichsten in der Lage, die gewonnen Erfahrungen einer christlichen Parteilichkeit nicht wieder auf dem Altar der Beliebigkeit zu opfern. In den neunziger Jahren nach der Zusammenführung der ehemals getrennten Verbände stellte sich heraus, dass auch über die Trennlinie West/Ost hinaus Verbindungslinien zwischen unterschiedlichen Gemeindeverständnissen, zwischen kleinen und großen, zwischen extrovertierten und introvertierten Gemeinden gefunden werden konnten.

Die Geschichte der ESG hat keinen klaren Anfangspunkt. Wer sich mit ihr beschäftigt, wird sich jedoch bald für „seinen“ oder „ihren“ Anfangspunkt entscheiden und hieraus Schlüsse ziehen. Das Bewusstsein für diese Anfangspunkte ist in der ESG jedoch immer präsent.

 

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